Geht man heute durch die Radegaster Straßen, kann man sich kaum noch vorstellen, dass der verschlafene kleine Ort eine nicht unbedeutende Tradition als Wirtschaftsstandort hat. Vor der Erhebung zum Marktflecken im Jahr 1727 dürfte die meisten Einwohner des damaligen Dorfes ihren Lebensunterhalt mit der Landwirtschaft finanziert haben. Mit den Märkten jedoch kam der Aufschwung. Wirtschaftszweige wie Handwerk, Gastronomie und Handel bestimmten fortan das Bild der entstehenden kleinen Stadt. Radegast erhielt ein Postamt, wurde Bahnknotenpunkt und Standort einer Likörfabrik und einer Zuckerfabrik, in der zu ihren besten Tagen mehr als 15 Prozent der örtlichen Bevölkerung ihr täglich Brot verdienten. Der Aufschwung war jedoch nicht von Dauer: Die Weltwirtschaftskrise in den 1920er Jahren und nicht zuletzt der Zweite Weltkrieg hinterließen tiefe Narben im Wirtschaftsleben der Kleinstadt. Mit der DDR kam die Planwirtschaft, woraufhin die kleinen Handwerks- und Handelsbetriebe, die über ein Jahrhundert lang das Ortsbild prägten, verschwanden. Dafür etablierte sich auf dem Areal der ehemaligen Domäne ein Gestüt, das auch international einen sehr guten Ruf genoss. Doch dann kam die Wende, und mit ihr neue Herausforderungen, an denen der Ort leider bisher gescheitert ist.