Sportplatz und Vereinsheim des SV Schwarz-Gelb Radegast

Nachdem den Deutschen durch das Allgemeine Preußische Landrecht im Jahr 1794 die Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit zugebilligt wurde, kam es im 19. Jahrhundert zu einem regelrechten "Boom" an Vereinsgründungen. Auch an Radegast ging dieser nicht spurlos vorbei.

Zwar enthält die Chronik des Ortes keinerlei Angaben darüber, welcher Radegaster Verein der älteste war, doch finden sich an vielen Stellen kleine Notizen, die auf ein umfangreiches Vereinswesen bereits im 19. Jahrhundert schließen lassen.

Bereits im Winter 1841/42 - so der Radegaster Pfarrer Friedrich Herbst in einer Urkunde aus dem Jahr 1874 - gründeten der damalige Kantor Engel und der Apotheker Kahleyß einen Wohltätigkeitsverein, um "verschämten, durch Unglück in Not geratenen Bürgern und Bewohnern" sowie "armen Konfirmanden" Hilfe und Unterstützung zu bieten. Die Unterstützung kann freilich nicht groß gewesen sein, bedenkt man, dass der Verein "nur" 35 Mitglieder zählte, die laut Pfarrer Herbst (der selbst übrigens zu dieser Zeit dem Verein vorstand) aller 14 Tage einen Beitrag von 15 Pfennigen zahlten.

Einige weitere Radegaster Vereine tauchen in den Aufzeichnungen des Pfarrers Herbst auf. Finanziell besser dran dürfte der am 6. März 1858 gegründete Vorschusskassenverein gewesen sein, der im Jahr 1874 stolze 75 Mitglieder zählte, über etwa 645 bis 660 Mark Kapital verfügte und dessen Zweck es war, "Darlehen gegen eine sichere Bürgschaft auszuleihen". Selbstredend stellten hier städtische Honoratioren den Vorstand - zu Zeiten Pfarrer Herbsts waren es der Bürgermeister a.D. Friedrich Kleyla und die Kaufleute Rothschild und Ursin.

Ihr musikalische Ader entdeckten die Radegaster ebenfalls um diese Zeit. Am 16. Juni 1859 wurde der Gesangsverein "Concordia" gegründet. Ebenso klangvoll ist der Name des zweiten Radegaster Männerchores: "Harmonie" nannten die Gründerväter selbigen bei Stiftung am 23. August 1863. Dirigiert wurden beide Chöre durch den Kantor Donat. Pfarrer Herbst wusste zu berichten, dass beide Vereine "bei festlichen Gelegenheiten zur Erhöhung der Feier durch ihre Gesänge beigetragen" und den Bewohnern der Stadt auf diese Weise "viele angenehme Stunden" bereitet hätten. Beide Gesangsvereine seien im sogenannten "Fuhne-Sängerbund" organisiert gewesen, so der Pfarrer weiter. Dabei handelte es sich offenbar um einen regionalen Zusammenschluss von Männergesangsvereinen, die einmal jährlich in einer Mitgliedsgemeinde ein Fest ausrichteten. 1873 fand dieses "Gesangsfest" schließlich in Radegast statt.

Die Chronik berichtet, dass der Gesangsverein "Harmonie" im Jahr 1933 noch sein 70-jähriges Bestehen feiern konnte. Scheinbar endet um diese Zeit herum seine Geschichte, denn bei der Einweihung des neuen Schulhauses in der Bahnhofstraße unterhielt der "Gesangsverein Radegast" unter der Leitung des Schulleiters Schwenke die Anwesenden. Die Lust am Singen und Musizieren haben die Radegaster trotzdem nie verloren: Seit 26. Februar 1991 gibt es beiderseits des "Theuren Christian" einen Chor, der aktuell mittwochs von 19:00 Uhr bis 20:30 Uhr im Radegaster Freizeitzentrum probt.

Musikalisch geht es auch bei den "Fuhnestädter Country Bears" zu: Die Gruppe ist im September 2001 aus einem Line Dance-Kurs hervorgegangen und bereicherte seitdem des Öfteren das Programm bei Radegaster Volksfesten.

Ebenfalls - jedoch bei weitem nicht nur - musikalisch aktiv ist die Radegaster Kirchengemeinde. Seit einigen Jahren probt in der Radegaster Kirche unter der Leitung von Detlef Zimmermann regelmäßig freitagnachmittags ein Posaunenchor. Doch die Kirchengemeinde hat weitaus mehr zu bieten - beispielsweise einen Kreativkreis, eine Junge Gemeinde sowie Frauen- und Seniorenkreise, die allesamt regelmäßige Veranstaltungen durchführen und so zum Gemeindeleben beitragen. Seit den 1980er Jahren pflegt man eine herzliche Freundschaft mit der Protestantischen Gemeinde Billigheim-Ingenheim aus der Pfalz.

Doch zurück ins 19. Jahrhundert zu Pfarrer Herbst und den interessanten Einblicken in den damaligen kleinstädtischen Alltag, die er uns schenkt: Erwähnenswert ist sicher der Radegaster Krieger- und Landwehrverein, der am 5. Januar 1873 gegründet wurde und einen wesentlichen Beitrag zur Aufstellung des Kriegerdenkmals leistete, mit dem an die Radegaster Gefallenen der Schlacht bei Sedan erinnert werden sollte. Zweck des Vereins war laut Pfarrer Herbst die "Erhaltung und Förderung des kameradschaftlichen Sinnes, Beleben und Interesse für unser Militärwesen und vaterländische Geschichte durch Zusammenkunft und Feier der denkwürdigsten Schlachten sowie Befestigung und Anhänglichkeit an Kaiser und angestammten Landesfürsten, ferner Begleitung bei Beerdigung der dem Verein angehöriger Kameraden, Unterstützung der Hinterbliebenen verstorbener Kameraden und Unterstützung der durch Krankheit erwerbsunfähig gewordenen Mitglieder." Ganze 52 Mitglieder zählte der Kriegsverein im Jahr 1874, dem - wie auch der Feuerwehr - der Amtmann Sack vorstand.

Die bereits erwähnte Freiwillige Feuerwehr Radegast, eine Institution, die heute aus Radegast nicht mehr wegzudenken ist, hat ihren Ursprung ebenfalls in diesen Tagen: Am 15. September 1873 wurde sie vom Apotheker Hermann Kahleyß und 37 weiteren unerschrockenen Männern gegründet. Im Jahr 1940 folgte - sicher bedingt dadurch, dass viele Feuerwehrmänner auf Grund des Zweiten Weltkrieges ausfielen - die Gründung der Jugendfeuerwehr.

Natürlich spielt auch der Sport im Radegaster Vereinsleben seit über hundert Jahren eine Rolle. Im Jahr 1911 entstand aus dem Zusammenschluss des Radegaster Männerturnvereins und des Radsportvereins der Vorläufer des heutigen Sportvereins "Schwarz-Gelb Radegast" - der Fußballverein "Britannia Radegast". Über den Radsportverein ist bekannt, dass er im Saal des Gasthofs "Zum Grenadier" Saalradsport- und Radballveranstaltungen durchführte.

Der Fußballclub "Britannia" startete erfolgreich - am 13. August 1911 schickte man in einem der ersten Spiele den Zörbiger FC 1907 mit 6:0 nach Hause. Acht Jahre und einen Weltkrieg später wurde aus dem FC Britannia der Arbeitersportverein "Wacker 04 Radegast", der bis 1942 existierte. Aus dieser Epoche stammt die traditionelle Spielkleidung der Radegaster Fußballer - bestehend aus schwarzer Hose und gelben Trikots. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, im Jahr 1946, wurde die "Sportgemeinschaft Radegast" gegründet, die zwei Jahre später die Kreismeisterschaft erringen konnte. Ab 1949 hieß der Verein "SG KWU Radegast" (KWU steht für "Kommunales Wirtschaftsunternehmen"). 1951 konnte der Erfolg des Jahres 1948 wiederholt werden: Die SG KWU wurde erneut Kreismeister.

Eine weitere Umbenennung im Jahr 1953 läutete die erfolgreichsten Jahre des Vereins: In Trägerschaft des Gestüts entstand die Betriebssportgemeinschaft (BSG) "Traktor Radegast". 1961 wurden die Radegaster Fußballer erneut Kreismeister. Der bisher größte Erfolg der Vereinsgeschichte war der Einzug ins Viertelfinale des FDGB-Bezirkspokals im Jahr 1967. Hier musste man sich vor etwa 1.000 Zuschauern der BSG Chemie Buna Schkopau mit 1:7 geschlagen geben, nachdem man eine Runde zuvor sensationell mit 5:2 die BSG Stahl Helbra - den amtierenden Pokalsieger - ausgeschaltet hatte. Auch abseits des Spielfeldes ging es rund: In den Jahren 1974/75 erbauten Vereinsmitglieder ein Sportlerheim. Der bislang letzte Kreismeistertitel wurde schließlich im Jahr 1980 errungen.

Die politische Wende in Deutschland war auch für den Radegaster Sport mit großen Umwälzungen verbunden. Der Verein erhielt seinen heutigen Namen "SV Schwarz-Gelb Radegast". Die meisten Jahre spielte man seitdem in der Kreisliga - dies zunächst auch noch sehr erfolgreich. Zwischen 1990 und 1995 wurden die Radegaster Fußballer einmal Vizemeister und dreimal Dritter. Um die Jahrtausendwende folgte leider der Tiefpunkt der bisherigen Geschichte: Zwei Jahre lang war es dem Verein nicht möglich, am Spielbetrieb teilzunehmen.

Ein Neustart folgte im Jahr 2002 in der untersten Spielklasse, der 2. Kreisklasse. Nach Platz 5 in der ersten Saison nach Wiederaufnahme des Spielbetriebs gelang bereits im zweiten Jahr der Aufstieg in die 1. Kreisklasse und anschließend die Kreisliga. Der Höhenflug war jedoch leider nur von kurzer Dauer: In der Saison 2008/09 gelang es dem Verein erneut nicht, eine Mannschaft zusammenzustellen. Seit 2009 sind die Radegaster Schwarz-Gelben nun jedoch wieder aktiv und kämpfen aktuell um den Aufstieg in die 1. Kreisklasse.

Der Verein ist sehr darum bemüht, den Radegaster Bürgerinnen und Bürgern vielseitige Sportangebote zu machen: Neben Fußball wird heute in Radegast auch Volleyball gespielt. Zudem bemüht man sich um den Aufbau einer Radsportabteilung. In der Kinder- und Jugendarbeit setzt der SV mit seinem Engagement für krebskranke Kinder regional und überregional Maßstäbe. Seit einigen Jahren arbeitet der Sportverein Schwarz-Gelb zudem mit der Fußballschule des ehemaligen Bundesligaprofis Armin Eck zusammen, um den Nachwuchs zu fördern und Talente aufzuspüren.

Abseits des Fußballrasens spielt das Grün seit Jahrzehnten ebenfalls eine wesentliche Rolle: Wie keinen zweiten verehrt Radegast den Kommunalpolitiker und Begründer des ersten Radegaster Schrebergartenvereins, Franz Ebert. Die Chronik berichtet, der Sozialdemokrat habe sich beim Land dafür stark gemacht, dass die auf Grund der Folgen des Ersten Weltkrieges Hunger leidenden Landarbeiter Flächen zur Verfügung gestellt bekommen, auf denen sie zur Selbstversorgung Obst und Gemüse anbauen könnten. Eberts Engagement wurde belohnt - am 4. Juni 1919 fand die Gründung des Schrebergartenvereins statt. Der Kommunalpolitiker wurde erster Vorsitzender des (in gewissen Radegaster Bevölkerungsschichten anfangs nicht unumstrittenen) Vereins. Vier Jahre später wurde ein weiterer Gartenverein gegründet, der jedoch nur Handwerkern und Mittelständlern offen stand. Erst über 20 Jahre später, im Jahr 1945, wurden beide Vereine zur Gartensparte "Franz Ebert" zusammengeschlossen.

Zu DDR-Zeiten - am 13. Oktober 1963 - entstand der Verein der Ziergeflügel- und Exotenzüchter. Die Geschichte der Vogelzucht reicht in Radegast jedoch ungleich weiter zurück: Bereits in den 1930er Jahren - so die Zuchtfreunde - seien Zuchtversuche in Radegast belegbar. Elf Mitglieder hatte der Verein bei seiner Gründung, zu seinen besten Zeiten waren sogar 54 Züchter in Radegast aktiv. Über 600 Tiere hielten die Radegaster Zuchtfreunde zu dieser Zeit in ihren Anlagen. Besonders stolz sind sie darauf, dass sie in den 1980er Jahren mehrmals den DDR-Meister der Goldfasanzucht stellen konnten. Auch an den Ziergeflügel- und Exotenzüchtern ging die Wendezeit nicht spurlos vorüber: Die Mitgliederzahl bewegt sich heute unter 20, jedoch sind die teilweise mit hohen Auszeichnungen des Verbandes dekorierten Zuchtfreunde stolz auf die Geschichte ihres Vereins.

Viele weitere Vereine gab und gibt es in Radegast - exemplarisch genannt seien noch die Laienspielgruppe, der Kleintierzuchtverein, der Hundesportverein oder der Reit- und Fahrverein, der nie vergessen lässt, dass Radegast eine lange Tradition als Pferdezuchtstätte und Gestütsstandort hat. Eine wesentliche Rolle im Gemeindeleben und bei der Aufarbeitung der Ortsgeschichte spielt heute der Heimat- und Trachtenverein, der im Dezember 2010 sein 20-jähriges Jubiläum feiern konnte. Am 15. Dezember 1990 gründeten zwölf Radegaster um Werner Hellmich einen Heimatverein, um die Stadtgeschichte aufzuarbeiten und sich mit ihr auseinanderzusetzen. Am 1. Juni 1995 schloss man sich mit der damals von Gisela Gravenhorst geleiteten Trachtengruppe zum "Heimat- und Trachtenverein" in seiner heutigen Form zusammen. Der Verein, der Mitglied im Anhaltischen Heimatbund ist, betreibt vorrangig Heimat- und Brauchtumspflege, Traditionspflege und Geschichtsforschung. Seit einigen Jahren gehört neben der "Heimatstube" auch die "Falschmünzerei" dazu: Falschmünzer Ziervogel alias Gerd Teuchler segnete die Radegaster Bürgerinnen und Bürger in den vergangenen Jahren regelmäßig mit frisch geprägtem Münzgeld (welches jedoch leider von der Bundesbank nicht als Zahlungsmittel anerkannt wird). Auch mit der Aufarbeitung der Radegaster Polizeigeschichte ist der Heimat- und Trachtenverein beschäftigt. Man organisiert Ausstellungen, beteiligt sich an Veranstaltungen und Festen in Radegast wie dem Tag des offenen Denkmals oder dem Anhalttag. Darüber hinaus betreibt der Verein Imagepflege auch überregional - beispielsweise auf Sachsen-Anhalt-Tagen oder bei Festumzügen.